Die Kraft des Wassers

Im Nationalpark Hohe Tauern gibt es 26 bedeutende Wasserfälle, 551 Seen mit Größen zwischen 35 Quadratmetern und 27 ha, 10 Klammen sowie 342 Gletscher, die 130 km2 des Parks bedecken. Der größte Gletscher in den Ostalpen ist die 7,5 km lange Pasterze, die eine Fläche von 18,5 km2 bedeckt. Somit ist es kein Wunder, daß es im Nationalpark wenigstens 279 Bäche gibt, von denen einige zur Stromerzeugung genutzt werden.

Kraftwerk Kaprun

Das wohl bedeutendste Wasserkraftwerk der Region dürfte das sogenannte Tauernkraftwerk im Kapruner Tal sein, welches ab 1938 von der Alpen-Elektrowerke AG (AEW) gebaut wurde und heutzutage unter der Bezeichnung Kraftwerk Kaprun bekannt ist.

Obwohl der am 16. Mai 1938 erfolgte Spatenstich den Baubeginn markierte, gab es dennoch kaum Fortschritte beim Bau. Zum Einen weil es dem unter nationalsozialistischer Führung durchgeführten Projekts an ausreichend Ingenieuren für den Bau in hochalpinem Gelände mangelte, aber auch weil Arbeitskräfte und Material in der Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkrieges benötigt wurden. Es dauerte daher bis zum 17. November 1944 als das Kraftwerk Kaprun zum ersten Mal Strom in das österreichische Stromnetz einspeiste.

Ab 1947 wurde der Bau am Kraftwerk von der neu gegründeten Tauernkraftwerke AG wieder aufgenommen und schon bald wurde das Kapruner Tal zur größten Baustelle in den Hohen Tauern. Die 120 m hohe Limbergsperre wurde 1951 fertiggestellt und die Gleichenfeier (Fertigstellung des Rohbaus) für die Oberstufe fand am 23. September 1955 statt. Nicht zuletzt wegen dieser imposanten Bauleistung wurde die Kraftwerksanlage zum Symbol und Mythos für den Wiederaufbau des Landes.

Turbinenhalle im Kraftwerk Kaprun

Die gesamte Kraftwerksanlage besteht aus der Oberstufe und der Hauptstufe. Die Oberstufe umfaßt die Stauseen Magaritze (3.2 Millionen Kubikmeter Nutzinhalt) und Mooserboden (84.9 Millionen Kubikmeter Nutzinhalt) sowie das Kraftwerk Kaprun-Oberstufe (auch Krafthaus Oberstufe genannt) mit einer installierten Leistung von 112 MW (zwei Francis-Turbinen) im Krafthaus Limberg und bis zu 480 MW im Pumpspeicherkraftwerk Limberg II (seit 2011 in Betrieb). In der Hauptstufe wird mittels vier Doppel-Pelton-Turbinen bis zu 240 MW Strom erzeugt, wozu das von der Oberstufe kommende Wasser, aber auch Wasser vom Speicher Klammsee (hauptsächlich zur Eigenversorgung des Kraftwerks), sowie der Pumpstation Maiskogel und den Bächen Zeferetbach, Grubbach, Dietersbach und Mühlbach genutzt wird. Vom Speicher Magaritze bis zum Krafthaus Hauptstufe bewältigt das Wasser einen Höhenunterschied von durchschnittlich 1.223 Metern.

Gesteuert wird die gesamte Anlage von der Zentralwarte in Kaprun. Die Ausstellung "Tauernstrom" im Besucherzentrum "Erlebniswelt Strom und Eis" am Mooserboden (2.040 m über dem Meeresspiegel) gibt einen guten Einblick in den Bau und Betrieb der Kraftwerksanlage. Vom Heinrich-Schwaiger-Haus hat man auch einen guten Blick über die Stauseen Mooserboden und den rund 400 Meter tiefer gelegenen Stausee Wasserfallboden.

Das meiste zur Stromerzeugung genutzte Wasser ist Schmelzwasser des am Großglockner befindlichen Pasterzengletschers. Es wird durch einen fast 12 Kilometer langen Stollen in den Stausee Mooserboden befördert bzw. gepumpt. Dank mehrerer Pumpstationen ist es möglich, daß Wasser mehrfach zur Stromerzeugung zu nutzen. Das ist vor allem dann notwendig, wenn Strom aus dem Verbundnetz abgezogen werden soll.

Umwelt und Tourismus

Aufgrund des massiven Eingriffs in die Natur wurde schon während des Baus in der Nachkriegszeit dem Thema "Umweltschutz" eine hohe Priorität gegeben. Zu einer Zeit, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte. In dessen Folge wurde darauf geachtet, das Erscheinungsbild der Natur so wenig wie möglich zu ändern oder im nachhinein wieder herzustellen. Ein gutes Beispiel dafür dürfte der Hirzbach mit seinen Hirzbachfällen in rund 1.600 m über dem Meeresspiegel sein.

Man sollte annehmen, daß ein Bauprojekt dieser Größe und der damit verbundene Eingriff in die Natur auf wenig Gegenliebe stoßen sollte. Im Kapruner Tal gab es jedoch eine ganz andere Entwicklung. Für viele Menschen der Region bedeutete der Bau des Kraftwerks eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, nicht nur wegen der Stromerzeugung sondern auch den mit dem Bau der Stauseen einhergegangenen verbesserten Hochwasserschutz. Vorher kam es zu zahlreichen Überschwemmungen während der Schneeschmelze im Frühjahr.

Das führte schließlich dazu, daß schon während des Kraftwerkbaus die Bevölkerung ein derart reges Interesse hatte, daß eigens Führungen eingerichtet werden mußten. Straßen, Tunnel und Aufzüge, die für Betrieb und Versorgung der Anlage vorgesehen waren, wurden in dessen Folge auch für Besucher zugänglich gemacht, wie zum Beispiel der Lärchwandschrägaufzug, der Touristen zu den Stauseen Kapruns ins Hochgebirge bringt. Seitdem hat die Kraftwerksanlage nichts von ihrer magischen Anziehungskraft verloren. Mehr als zehn Millionen Besucher haben sie bereits besichtigt und jedes Jahr kommen 200.000 Besucher dazu.

Zu den besonderen Erlebnissen dürfte die Führung durch das Innere der Staumauer sein, wo man unmittelbar die beachtliche Bauleistung bestaunen kann. Außerdem gibt es ein Besucherzentrum "Erlebniswelt Strom und Eis" mit der Dauerausstellung "Erlebniswelt Gletschereis" (enthält ein naturgetreues Modell eines Gletschertores mit Gletscherbach) und das "Museum Tauernstrom", das von den schwierigen Lebensumständen der Bevölkerung und Arbeiter während des Baus berichtet. Das Besucherzentrum ist ganzjährig geöffnet und der Eintritt kostenlos.

Stausee, Sigmund-Thun-Klamm

Am Speicher Klammsee in der Nähe der Krafthaus Hauptstufe gibt es einen Naturlehrpfad (Naturlehrpfad Klammsee), der um den See führt. Die Ufer des Sees mit seinen Liegewiesen laden zum Erholen ein. Auch Angler kommen hier auf ihre Kosten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit zum Bürgkogel zu wandern und einen Blick auf die historischen Ausgrabungen zu werfen. Die Wanderung in die Sigmund-Thun-Klamm (beginnt in der Nähe des Krafthauses) sollte man auch nicht versäumen.

Siehe auch

Fehlen Informationen, sind sie ungenau oder veraltet? Möchtet ihr euer Wissen mit uns teilen? Dann nutzt unser Kontaktformular.


Anzeige